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Frühling 2005  

 

 Meine Mutti, du warst geboren in eine Zeit,
als Deutschland begann, sich von den Narben
des ersten Weltkrieges zu erholen.
Als Jüngste von dreizehn Geschwistern, nicht ahnend,
dass der Bauernhof deiner lieben, fleißigen Eltern im
Trauma des nächsten Weltkrieges ein Lazarett sein würde.
 
Du bist jung in die Welt gegangen und hast mit viel Freude
auf Familienglück gebaut. Aber die besten Jahre deines
Lebens musstest du allein mit zwei kleinen Kindern kämpfen,
um die schlimme Zeit des Hitlerwahnsinns
und ihre Folgen zu überstehen!
Armut, Entbehren, harte Arbeit und Not hast du für
weit mehr als ein halbes Leben als Normalität hingenommen.
 
Es gibt nichts, was du nicht getan hast, um deinen Kindern
eine gute Mutter zu sein und du hast ihnen nur Gutes
mit auf einen besseren, leichteren Lebensweg gegeben!
Obwohl du selbst Trost gebraucht hast, konntest du trösten.
 
Wie musst du dich gefühlt haben, als wir dich zurück ließen,
um unsere eigenen Wege zu gehen?!
Inzwischen weiß ich, wie schmerzhaft das ist,
aber ich habe dich nie klagen gehört!
Du hast es geschafft, ein Band der Liebe um die
Familie zu legen und sie zusammen zu halten!
 
Es tat so gut dich zu wissen, zu hören und
mit dir über alles reden zu können.
Es wärmte, dein auch im Alter noch so schönes Gesicht
vor mir zu haben, mit deinen großen, blauen Augen,
aus denen soviel Wissen und menschlische Größe sprach.
 
Wo immer du auch warst, hinterließt du Spuren der Sympathie.
Jeder mochte dich und deine Gabe, Menschen annehmen zu
können, wie sie sind. Nie hast du gerichtet und verachtet,
und tief in mir spüre ich diese Wärme, die nur du geben konntest.
 
Jetzt warst du müde und vieler Schmerzen leid, aber mein Herz rief:
 
"Bleib hier!..."
 
Doch du hattest dein Leben gelebt und keine Kraft mehr
für eine Zukunft, die nichts erträglicher machen konnte.
Du konntest über Nacht nicht mehr zurück nach Hause,
was auch unser trauliches Nest war und welches du über
sechzig Jahre liebtest. Du musstest es tauschen gegen
einen Pflegeheimplatz und ich betete, dass die
Menschen dort gut zu dir sein mögen.
 
Ich danke Gott, dass ich so eine Mutter wie dich hatte!
Und Geschwister, die immer in deiner Nähe waren,
selbst im Pflegeheim tagtäglich.
Dass ich so weit von dir weg war, tat einfach nur erbärmlich weh -
aber Tag und Nacht dachte ich an dich und wie es einmal
sein würde   ---     ohne dich  ---
 
Du fehltest mir seit Wochen schon so sehr und nun bist du
 vorausgegangen! 
Ich konnte nur um Gnade für deinen friedlichen Abschied
beten und um viel Kraft für meinen lieben Bruder bitten, 
die er besonders für deine letzten Stunden brauchte.
Ich weiß nun, dass sie ihm geschenkt wurde und er deine Hände
halten durfte, als du ruhig und friedlich einschliefst...
 
Bis wir uns einmal wiedersehen dürfen, bleibt die Erinnerung an dich 
mit einer großen Dankbarkeit in meinem Herzen -
erst mit mir wird sie sterben.
 
Ich liebe dich!          
                             25. Mai 2005  erlöst! 

 

rückschau:

weihnachten 2004 vergeht wie sonst all die jahre auch,
niemand ahnt zum jahreswechsel, dass ein
trauerjahr für die familie anbricht
januar 2005:
 
unsere beinahe täglichen telefonate werden weniger... ich nehme rücksicht, ich weiß,
dass das reden dir mühe bereitet. deine stimme fehlt mir, aber ich bin "tapfer". ich weiß,
dass meine geschwister und ihre kinder immer in deiner nähe sind und ich höre auch von ihnen,
wie es dir geht. eines mittags klingle ich durch und meine, dass du garantiert zuhause sein musst ---!
am nächsten tag erfahre ich, dass du hilflos über eine stunde auf dem boden lagst und nicht in
der lage warst, das telefon zu erreichen... 
du bist im krankenhaus...
 
 
 februar 2005:
 
zwar musstest du nicht operiert werden, aber allein kannst du nicht mehr in deine wohnung
zurück, wo du noch bis "eben" alles nötige selbst geschafft hast... du wirst in eine
pflegestation verlegt. man muss abwägen, wie es weiter geht.
und --- es geht nicht mehr so wie erhofft weiter, denn du wirst zunehmend schwächer als gedacht.
die medizin, die dir die heilung erleichtern soll und die schmerzen lindert, macht dein wesen
und deinen mut, noch einmal zu kämpfen, kaputt.
 
 
märz 2005:
 
es gibt somit kein zurück mehr in deine wohnung. seit über 60 jahren lebtest du da.
fast 35 jahre davon mit deinen kindern. ich war die letzte, die ging... ich versuche solche
rapide trennung nachzuempfinden und komme auf den nenner: grausam! über nacht plötzlich alles
altgewohnte ohne chance auf ein wiedersehen aufgeben und verarbeiten zu müssen. du bist einmalig
tapfer, nimmst rücksicht auf alle und ergibst dich in dein schicksal! ich bewundere dich
nur noch mehr. ist das die wahre liebe, anderen, die man selbst liebt zu signalisieren, dass man sie
nicht mitleiden lassen möchte???
 
du kommst in ein nagelneues pflegeheim, weil du betreut werden musst... diese neue umgebung
und all die fremden menschen, die dich versorgen, erschrecken dich zutiefst.
susan besucht dich und ist sehr erschüttert. sie durfte dich ein letztes
mal am 25.3.05 sehen...
 
 
april 2005:
 
wir ahnen, dass du nicht mehr lange so "leben" kannst und versuchen damit fertig zu werden.
ich werde 50, aber ich mag nicht feiern. wozu? meine beiden geschwister sind täglich bei dir, dich
und einander ermutigend und doch abschied nehmend und hoffend auf die gnade, dass du friedlich
einschlafen magst. alle üben das loslassen, denn es bleibt nur noch hilflosigkeit und die erkenntnis,
dass dir jeder atemzug eine qual ist.
 

MUTTERTAG, mai 2005---

wie schön war es, immer am zweiten sonntag im mai auf einen duftenden kaffee mit einem strauß

blumen zu dir zu kommen, dich in die arme zu nehmen...  ohne einladung waren alle immer da!

und wie seit acht jahren   ...   fehle ich an deinem kaffeetisch. diesmal im pflegeheim! und

du fehlst mir so sehr!

ich lasse revue passieren und weiß: das beste was man mir je im leben gab, gabst immer noch DU,

meine mutti!

ich leide unter der ferne und darunter, dass du leidest!

 
ende mai 2005:
 
erschreckend ist, dass die versorgung im heim grobe mängel aufweist! wenn deine kinder nicht
kämen, hättest du schon längst nicht mehr genug nahrung und flüssigkeit erhalten. wenigstens trinken
solltest du können. meine geschwister versorgen dich so geduldig, wie du sie einst, als sie klein waren... 
du beginnst wund zu liegen und kannst dich nicht mehr aus eigener kraft bewegen. die
schmerzmedikamentation hat ihren gipfel erreicht. erst jetzt erfahre ich details, die mich noch mehr
erschrecken und es mir somit "leichter" machen, abschied zu nehmen, ich beginne um erlösung zu bitten... 
wir, die wir dich lieben, wissen nun genau, dass es gnade ist, wenn du einschlafen darfst. mehr möchte
ich hier nicht schreiben---
*
*
*
25.5. nun ist es geschehen. deine hände lagen beim sterben in denen deines sohnes...
du warst nicht allein beim abschied --- er war friedlich.
das ist tröstend. aber du bleibst meine mutti, den platz in meinem herzen kann mir niemand nehmen,
bis ich selbst von dieser welt gehe --- dahin, wo du nun bist!
 
du bist vorausgegangen, nicht verloren!
 
ICH DANKE DIR FÜR ALLES, ALLES!
 
deine tochter
 
mit ihren kindern, schwiegersohn und enkelchen maiko (dein jüngstes urenkelchen, was du im
april 2005  noch bei gutem bewusstsein sehen durftest!), die dich ebenso vermissen wie alle jene,
die in dresden sind und denen ich dankbar bin für allen beistand und soviel liebe!
ich danke GOTT, dass ich in einen familienkreis gehöre, den du geschaffen, geliebt und gepflegt hast
dein leben lang!
 
RUHE DICH AUS!
 
bis später, meine mutti!

 

danke, meine großen, dass ihr mich nicht allein gelassen habt und spontan über dreihundert

kilometer gefahren seid, um die schwere des moments zu teilen! ich liebe euch! auch dich, borris,

mein schwiegersohn, *drückdichganzfest*

diese seite habe ich begonnen im januar 2005, damals in der gegenwartsform:

ich widme sie all den menschen, die lernen mussten/müssen abschied auf zeit zu nehmen...

ich habe keine mutter mehr...

und das tut weh!

mai 2005

***

           

 

                       
     
 
                        
                     
         

 

 



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